Windhunde jagen:
Tatsächlich? Andere Hunde nicht?

Gerade beim Thema des Rückrufes von Windhunden gehen oft die Emotionen hoch.

„Windhunde sind nicht abrufbar, wenn sie hetzen.“

„Ich nehme mir doch keinen Windhund, weil ich entspannt mit ihm spazieren gehen möchte.“

„Wenn ich mir einen Windhund nehme, gehe ich automatisch das Risiko ein, dass er jagt – schließlich ist es ein Sichtjäger.“

Und dann mein Lieblingskommentar zu diesem Thema: „Unsere Windhunde sind so gesund, weil sie für die selbstständige Jagd gezüchtet wurden. Wer damit nicht umgehen kann oder will, kann sich doch eine andere Rasse nehmen, es gibt viele liebenswerte Hunde mit weniger Jagdtrieb. Durch Bevorzugung der von der Jagd abrufbaren Windhunde verändert man letztendlich das ursprüngliche Wesen, auch im Hinblick auf die Zucht – das kann man doch nicht in Ordnung finden.“

Aua – all diese Aussagen tun natürlich extra weh, wenn man bedenkt, dass es in diesen Diskussionen immer um Hunde geht, die keinen sicheren Abruf haben und die damit bei jedem Mal Wegrennen Gefahr laufen, sich schwer zu verletzen, erschossen oder überfahren zu werden.

Ich füge daher zu den obengenannten Zitaten folgenden Satz hinzu, den aber keine so „argumentierenden“ Personen je in den Mund nehmen würde: „Ich mache mir nicht die Mühe, mit meinem Windhund zu trainieren und nehme in Kauf, dass er deshalb von einem seiner „Ausflüge“ nicht mehr zurückkommt.“ Ist es wirklich das, was diese Menschen sagen wollen?

Nun ja, „Windhunde sind ja auch untrainierbar“! Oder sind die HalterInnen dieser Hunde einfach nicht kreativ genug, mit ihrem Windhund zu arbeiten?

Natürlich wählt keiner einen Windhund als Haustier, weil er mit ihm große, sportliche Erfolge haben möchte. Menschen wählen Windhunde, weil sie sie optisch ansprechend finden, oder weil sie von ihrem sensiblen Wesen fasziniert sind. Sie lieben ihre Anschmiegsamkeit und die Ruhe, die sie im Haushalt ausstrahlen und die Kraft und Geschwindigkeit, die im ausgelassenen Spiel oder vollem Lauf auf der Rennbahn zum Vorschein kommen.

Und für all diese Eigenschaften nehmen sie „in Kauf“, nie entspannt mit ihrem Hund spazieren gehen zu können und ihn jagen zu lassen.

Das wäre aber nicht notwendig. Ja – es ist schwieriger, mit einem Windhund zu arbeiten. Einfache Leckerlies sind im Normalfall nicht ausreichend, um einen Windhund vom Jagen abzuhalten, sie reichen häufig nicht einmal für einen Rückruf ohne Ablenkung. Für einen Windhund muss „am anderen Ende der Leine“ schon etwas sehr viel Interessanteres warten, damit er zurückkommt, besonders, wenn die Leine ihn nicht mehr davon abhält loszusprinten.

An Menschen, die ihren Windhund zurückrufen möchten sind daher höhere Anforderungen gestellt, als einfach nur zu rufen und ein Leckerli ins Hundemaul zu schieben. Es ist ausschlaggebend kreativ zu sein, seinen eigenen Hund gut zu kennen und sich sehr genau zu überlegen, was den Windhund eigentlich motiviert. Ganz klar – Bewegung. Sehr schnelle Bewegung. Am Horizont.

Natürlich ist es nicht ganz einfach, einem zurückkommenden Windhund so etwas zu bieten. Und bietet man es ihm nicht wird er sich beim nächsten Mal sehr genau überlegen, ob er überhaupt zurückkommt. Es ist aber keineswegs unmöglich, einem Windhund einen sicheren Abruf beizubringen.

Jagen gehört zum Grundrepertoire eines jeden Hundes. Wenn WindhundehalterInnen dann damit argumentieren, dass sie „sich den Hund ja deswegen ausgesucht haben“ ihn aber trotzdem jagen lassen, muss ich mich wundern. Man kann „Jagdtrieb“ nicht „aberziehen“ (haha). Leute, die so argumentieren, sind dann ebenso begeistert von einem Artikel, in dem der Jagdtrieb des Hundes mit „Verliebtsein“ bei Menschen verglichen wird. Aua, aua, aua… die Sache mit den Hormonen. Naja so genau muss man es ja nicht nehmen, oder?

Über den „Jagdtrieb“ eines Windhundes würden Deutsch Drahthaar oder Jagdterrier HalterInnen nur lachen. Im Gegensatz zur Erziehung eines Windhundes stellt die Erziehung eines Terriers eine echte Gratwanderung dar. Sie sind nicht weniger „sensibel“ als Windhunde, aber auf ganz andere Art und Weise. Terrier kippen sehr schnell in Extreme – eine Eigenschaft, mit der sich nicht spielen lässt.

Im Gegenzug wird von Windhunden oft als einfachen und idealen Alltagsbegleitern gesprochen, die zuhause anschmiegsam und ruhig sind und draußen „vorausschauendes“ Gassi-Gehen erfordern, da sie dann mal mit Spitzengeschwindigkeiten am Horizont verschwinden.

Ist es daher so viel verlangt, seinem „einfachen“ Windhund nur einen Rückruf beizubringen? Er muss dafür ja keinen Handstand machen. Es ist ebenfalls nicht notwendig, Windhunde auf „weniger Jagdtrieb“ zu selektieren (tut das überhaupt jemand?).

Gottseidank bewege ich mich hier nicht auf völlig verlorenem Posten – ich freue mich jeden Tag über die vielen Beispiele von Hunden, deren HalterInnen sich eben nicht auf Rassemerkmale ausreden, um Erziehungsmängel ihrer Hunde zu kaschieren.

Zum Glück gibt es die Huskies, die ohne Leine spazieren gehen können und neben denen ein Reh aufspringt, ohne, dass sie hinterherlaufen. Es gibt die Herdenschutzhunde, die fremde Menschen und Hunde in ihren Garten lassen. Und dann sind da noch die Golden Retriever, die gelernt haben, dass es okay ist „nein“ zu sagen und sich nicht alles gefallen zu lassen, bevor ihnen der Geduldsfaden reißt und sie als Abgabehund enden. Ebenso gibt es Border Collies, die tatsächlich den ganzen Tag nichts tun können und trotzdem angenehme Begleiter sind – wirklich, die machen nicht mal Agility, sondern gehen nur ein bisschen im Wald spazieren.

Und es gibt sie, die Windhunde, die sich abrufen lassen oder gar nicht erst hetzen gehen. Mit denen Spazierengehen entspannt ist und die mit fliegenden Ohren umdrehen und zurückkommen, wenn man sie ruft.

Wenn Ihr also zu den Menschen gehört, die ihr Windhunde hetzen lassen, weil diese jahrhundertelang auf freies Agieren bei der Jagd gezüchtet wurden und es Euch egal ist, ob sie sich damit selbst in Gefahr bringen, dann verschwendet doch bitte zumindest ab und zu einen Gedanken an das Wild, das von Euren Hunden gejagt, geängstigt und zu Tode gehetzt wird.