Nun lebe ich schon seit bald ein Jahr mit meinem tauben Opa-Hund zusammen und vor einiger Zeit tauchte folgende Frage auf: „Warum sprichst Du eigentlich mit ihm?“

Gute Frage – im ersten Moment war ich überrascht. Nicht nur, dass die Frage völlig unvermutet für mich kam, ich hatte auch zunächst keine sinnvolle Antwort darauf.

Mit dem tauben Hund zu reden ist tatsächlich eher sinnfrei. Sieht er mich an, habe ich die Möglichkeit mit ihm durch Sichtzeichen und Rituale, die wir uns angewöhnt haben, zu kommunizieren. Sieht er mich nicht an, habe ich Pech gehabt.

Und doch überwiegen die Situationen in denen ich mit ihm spreche, wenn er mich gerade nicht ansieht. Weil ich es so gewohnt bin!

Ich bin daran gewöhnt, einem Hund nachzurufen, wenn er sich für mein Gefühl zu weit entfernt, ich bin gewohnt, meine Hunde verbal zu mir zu holen, wenn ich sie zum Gassi gehen anleinen möchte. Noch viel mehr spreche ich mit ihnen, wenn ich etwas kommentieren möchte.

Ich kommentiere einen großartigen „Schatzfund“ im Wald, ich kommentiere es, wenn sie zu mir schmusen kommen oder wenn ich belustigt bin, weil sie irgendeine kleine Dummheit anstellen. Ebenso gebe ich meiner Stimme die unterschiedlichsten Tonfälle, wenn die Herrschaften über das Ziel hinaus schießen, wenn ich sie trösten möchte, oder wenn ich sie an eine neue Situation heranführen will, die ihnen unheimlich vorkommt.

In einem Mehrhundehaushalt kommentiere ich natürlich auch des Öfteren die Kommunikation der Hunde untereinander, wenn ich das Gefühl habe, dass es zu Missverständnissen kommt, Furio in seinem Überschwang zu grob zu Mateja ist oder Mateja ihn zum Spielen überreden möchte, obwohl er eigentlich schlafen und seine Ruhe haben will.

Genau an diesem Punkt bin ich froh, auf diese Art und Weise mit meinen Hunden „reden“ zu können und zu wissen, dass sie mich und meine Intentionen lesen und verstehen können. Wenn Oskar sich in seiner Kommunikation nämlich eher grobmotorisch verhält, kann ich zu Mateja sagen: „Lass ihn und geh, ich kümmere mich darum,“ oder ich kann zu Furio sagen „Du bist mein Guter, lass Dich nicht provozieren.“ Meine Stimme gibt ihnen die Sicherheit zu wissen, dass ich mich auch wirklich darum kümmere, dass es nicht zu Missverständnissen kommt.

Aber Oskar selbst kann ich damit nicht zur Ruhe mahnen.

Kommen wir also zur eigentlichen Frage zurück: warum spreche ich mit Oskar? Und warum spreche ich mit ihm fast genauso viel wie mit meinen gut hörenden Hunden? Kommentiere seine Funde, lobe ihn für ein toll gelungenes Zurückkommen und reglementiere ihn schon mal verbal, wenn er sich direkt auf Furio draufsetzt?

Weil er mich genau ansieht und weil er meine Mimik liest. Habt Ihr schon mal versucht das Gefühl der Freude in Eurem Gesicht zu zeigen, ohne dabei: „Oh, das hast Du toll gemacht, mein Guuuuter,“ zu sagen? Ist Eure Gesichtsmimik wirklich so stark, wenn Ihr kein Wort dazu sagt?

Natürlich kann man ein freundliches oder ein böses Gesicht machen, ohne dabei etwas zu sagen, aber mit den gesprochenen Worten dazu ist normalerweise ein viel breiteres Spektrum an Gesichtsausdrücken verbunden. I

Und ich sehe, dass Oskar sehr genau auf mein Gesicht achtet, wenn er weiß, dass es um ihn geht, oder ich mit ihm kommunizieren möchte. Ich bemerke, wie er mich ansieht wenn ich auf ihn zugehe, während er gemütlich herumliegt, als würde er versuchen auszuloten, ob er gleich Gassi gehen soll (am Abend nicht mehr seine Lieblingsbeschäftigung), oder ob es Streicheleinheiten gibt.
Und er sieht mich noch aufmerksamer an, wenn ich ihm deute, in eine andere Richtung zu gehen, weil er zu erkennen versucht, ob eine Veränderung in der Umgebungssituation es gerade erfordert, oder ob es einfach nur darum geht, einen anderen Weg entlangzugehen.

Ich spreche daher mit Oskar, obwohl er es nicht hört, weil das meine eigene non-verbale Kommunikation mehr bereichert, als ich früher gedacht hätte, beziehungsweise das „Nicht-Sprechen“ mir auch Teile meiner Mimik nimmt.