Der IST-Moment, dieses Mysterium, das eigentlich gar nicht so schwierig zu erfassen wäre. Dennoch stellt es uns vor Probleme. Oder sind wir selbst es, die es viel einfacher haben könnten?

Die Sache von der ich spreche ist mir vor einem Jahr bei einem Seminar über Training mit positiver Verstärkung wieder ins Bewusstsein gerufen worden. Die Botschaft lautete das Tier, mit dem man trainiert, nicht nach Gesichtspunkten zu betrachten, die man aus dessen Vergangenheit rückschließt oder die auf Schubladendenken oder eigenen Erfahrungen beruhen, sondern nach dem tatsächlichen Stand seines Könnens. Es geht daher um die Beurteilung eines IST-Moments, den man überprüfen und dokumentieren kann.

Nun passiert es uns im Allgemeinen sehr häufig, Aspekte für die Beschreibung einer Sache oder eines Verhaltens heranzunehmen, die nicht nur tatsächlichen Begebenheiten entsprechen, da es zu fast jedem Thema eine Vorgeschichte gibt. Weil wir uns an diese erinnern oder sie uns erzählt wurden fällt es uns oft schwer die Realität als das wahrzunehmen, was sie ist. Das ist in allen Bereichen unseres täglichen Lebens so, ich möchte mich hier aber natürlich auf unsere Hunde konzentrieren.

Wie oft höre ich: „Ich weiß aber, dass er das kann,“ oder „sie ist eben ein unsicherer Hund.“ Wie oft habe ich diese oder ähnliche Sätze selbst gesagt?
Diese oft verfälschte Sicht der Dinge hilft aber weder uns noch unseren Hunden weiter. Unnötigerweise entstehen so Ungerechtigkeiten oder völlig sinnloser Ärger über das Verhalten unserer Fellnasen. Das hat auch mit „Schönreden“ nichts zu tun. Kann der Hund etwas nicht, dann kann er es eben nicht. Auch nicht, wenn man es noch so oft laut ausspricht.

Auch die Persönlichkeit eines Hundes kann sich entwickeln. Aus einem Hund der anfangs große Unsicherheiten in bestimmten Situationen zeigt, kann ebenso ein Hund werden, der Selbstvertrauen in sich und seine Lösungsstrategien entwickelt hat. Das als reaktiv beurteilte Verhalten, das HalterInnen dann an ihrem Hund beobachten entspricht eventuell gar nicht mehr den ursprünglichen Ängsten des Hundes. Möchte man dann mit so einem Hund trainieren ist es wichtig, sich nicht von der Vorgeschichte des Hundes beeinflussen zu lassen, sondern ganz genau zu analysieren, aus welchen Gründen der Hund sein Verhalten wirklich zeigt (Stichwort: ewiges Mitleid mit einem Hund der aus einer ursprünglich katastrophalen Haltung oder von der Straße „gerettet“ wurde).

Für uns noch schmerzlicher ist das Thema IST-Moment, wenn unsere Hunde älter werden. Sie laufen nicht mehr so schnell wie sie das früher gemacht haben. Sie vertragen vielleicht keine ungesunden Snacks mehr, weil auch der Magen eines alten Hundes geschont werden möchte. Oder sie haben Schmerzen und können die gewohnte Radtour nicht mehr mit uns machen.

Der Grund warum wir gerade in diesen Situationen die Realität weit weg schieben und unseren Liebling genau so sehen möchten, wie wir ihn immer gesehen haben ist ganz einfach – wir können und wollen uns nicht damit auseinandersetzen, dass unser felliger Begleiter irgendwann sterben muss.

All diese Beispiele sollten wir uns aber immer wieder in Erinnerung rufen. Je öfter wir daran denken den tatsächlichen Zustand zu erkennen, desto besser können wir uns selbst schulen und desto größer werden unsere Fortschritte im Training und in der Beziehung mit unserem Hund (und in allen anderen Bereichen auch unsere Beziehung mit uns selbst und unseren Mitmenschen).

Was ist nun notwendig, um den IST-Moment einer Sache zu ermitteln?

I – Interesse zeigen
Allem voran muss es uns natürlich ein Anliegen sein überhaupt herauszufinden, wie eine Situation in der Realität aussieht. Wir müssen neugierig und interessiert an dem Gegenstand sein, der uns jetzt gerade beschäftigt.

S – Sehen
Und damit meine ich wirklich „sehen“. Möchte ich erkennen wie der tatsächliche Zustand einer Sache sich darstellt, muss ich ganz genau hinschauen und beschreiben können und Schubladendenken hintanstellen. Es geht dabei nicht nur um offensichtlich negative oder abwertende Labels – auch Mitleid mit der Vergangenheit eines Hundes kann diesen daran hindern, sich in der Gegenwart weiterzuentwickeln.

T – Tatsachen akzeptieren
Das ist wohl der wichtigste Punkt überhaupt und ein sehr schwieriger noch dazu. Akzeptieren hat etwas damit zu tun, seine eigene vorgefasste Meinung zu verwerfen und sich auf Neues einzulassen.

  • Begreifen, dass der Hund das Signal „Platz“ immer nur auf weichem Untergrund geübt hat und deshalb auf dem kalten Fliesenboden Schwierigkeiten damit hat.
  • Erkennen, dass das Verhalten, das der Hund zeigt zwar ähnlich aussieht wie vor einem Jahr, mittlerweile aber einer ganz anderen Motivation entspringt.
  • Annehmen, dass der Hund nicht mehr so hoch springen kann wie früher, oder sich an einem Körperteil nicht mehr gerne angreifen lassen möchte, weil er älter geworden ist und Schmerzen hat.

Es ist nicht immer leicht, sich an diese Punkte zu erinnern und entsprechend zu agieren – unsere Hunde, die aber wahre Meister darin sind uns und unser Verhalten zu interpretieren, werden es uns danken. Und wir werden auch selbst zufriedener sein, wenn wir unseren Blick öfter auf die tatsächliche Realität richten anstatt auf eine für uns bequeme Vorstellung der Situation.