Immer wenn ich denke, dass gewisse Mythen sich endlich aus den Köpfen der Hundemenschen verabschiedet haben, werde ich eines Besseren belehrt.

 

„Ich muss ihm alles wegnehmen können, haben sie in der Hundeschule gesagt.“

Offenbar ist es immer noch gängige Praxis HundehalterInnen davon zu überzeugen, dass deren Hund sich Spielzeug, Futter und andere Ressourcen fraglos wegnehmen lassen muss. Selbstverständlich ohne zu murren.

Gemeint ist damit, dass Welpen in der Hundeschule Futter angeboten wird (ob in der Schüssel oder in Form von Kaubedarf), um es ihm dann sofort wieder zu entwenden. Oftmals nicht auf faire Art und Weise durch ein geübtes Auslassen eines Gegenständes. Leider auch nicht durch den sorgsam trainierten Abbruch eines Verhaltens sondern auf die brachiale Art. Da wird das kleine Mäulchen aufgerissen und hineingefasst. Beschließt der Welpe, diese Behandlung nicht über sich ergehen zu lassen, findet er sich auf der Seite liegend auf den Boden gedrückt wieder.

Er muss sich schließlich alles wegnehmen und sich in die Futterschüssel greifen lassen.

Aber ist das tatsächlich so? Lasst Ihr zu, dass Euer Partner, Eure Kinder oder besten Freunde einfach so mit der Gabel in Eurem Teller herumstochern, oder erwartet Ihr dafür eine höfliche Frage ala „darf ich mal kosten?“

Nun kommt das vielbeliebte Argument:

 

Aber es sind Kinder im Haus.

Erstaunlich finde ich hierbei, dass man Kindern die Intelligenz abspricht zu verstehen, dass der Hund beim Essen nicht gestört werden soll. Und dass Eltern die erziehungstechnische Kompetenz verneinen, ihren Kindern auf vernünftige Art erklären zu können, dass deren Hände in der Futterschüssel genauswenig verloren haben, wie die Hundenase im Kinderteller.

Kommen wir also zurück zum eigentlichen Thema.

 

Ein Hund muss sich definitiv nicht einfach so alles wegnehmen lassen.

Versteht mich nicht falsch, es ist wichtig, dass Hunde etwas ganz ohne Diskussion abgeben. Sie sollten aber vorher gelernt haben, man ihnen nicht grundlos Dinge entwendet. Außerdem müssen sie die Gewissheit haben, dass es sich für sie auszahlt (fressbare) Schätze abzugeben. Solchen Hunden wurde auf faire Art und Weise beigebracht, dass es Situationen gibt, in denen sie etwas, das sie gefunden haben, nicht behalten dürfen.

Gehen wir nun davon aus, dass eine Alltagssituation uns in das sorgsam aufgebaute Training hineinpfuscht. Wir haben dann ein ordentliches Abgeben noch nicht trainiert und so kommt es beim Wegnehmen schon einmal zu kleineren Konflikten. Das ist zwar nicht erstrebenswert, aber ein Hund der grundsätzlich fair behandelt wird, lässt sich hiervon auch nicht aus der Bahn werfen.

Wirklich schlimme Szenen zwischen Hunden und ihren HalterInnen spielen sich aber mit eingangs genannten Welpen ab. Junge Hunde, die in der Hundeschule ungerecht behandelt wurden.

 

Babies, die auf den Boden gedrückt und festgehalten werden, bis sie ihren Fund loslassen.

Da gibt es bestimmt 9 von 10 Hunden, die sich diese Behandlung gefallen lassen. Sie haben gelernt, dass der Weg des geringsten Widerstandes bedeutet, alles loszulassen, wenn die Hand des Halters sich nähert. Gut für die Beziehung zwischen Hund und HalterIn ist das aber bestimmt nicht.

Außerdem ist immer wieder ein Babyhund dabei, der diese Art von „Training“ ablehnt. Der sich gegen grobe Behandlung wehrt. Einen “Quotenwelpen”, der hinterfragt, warum er sich einen Gegenstand, der toll riecht und den er gerade erst bekommen hat, gleich wieder aus dem Maul reißen lassen soll.

 

Nun passiert das Unvermeidliche – dieser Welpe wird erwachsen.

Er hat dann ein paar Kilo mehr und ihm ist bewusst geworden, dass Knurren und Zwicken in solchen Situationen nicht hilft und er zu drastischeren Mitteln greifen muss. Dieser Hund ist in der ständigen Erwartungsunsicherheit, wann ihm sein Spielzeug oder Futter wieder weggenommen wird. Dadurch kann er sich in Situationen in denen diese so wichtigen Ressourcen in greifbarer Nähe sind, nicht mehr entspannen. Er „beißt die Zähne zusammen“ wenn sich eine Menschenhand in der Nähe seines Spielzeuges oder Futters bewegt.

Diese Hunde sind nicht nur im Umgang mit Ressourcen unberechenbar geworden. Sehr häufig ertragen sie auch keinen Funken an Zwang oder Druck mehr. Etwas Zug an der Leine, oder im Affekt schnell zum Brustgeschirr greifen führen bei solchen Hunden schon zu explosionsartigen Entladungen von Aggression. Auch die tägliche Körperpflege, wie Bürsten oder Pfoten putzen, werden dann zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Mit so einem Hund zusammenzuleben ist kein Spaß und gefährliche Situationen für alle Beteiligten sind vorprogrammiert.

Der Ursprung steckt meist in einem ungerecht behandelten, niedergedrückten und in die Ecke gedrängten Welpen, der im Erwachsenwerden gelernt hat sich mit aller Kraft zu wehren.

 

Und die Moral aus der Geschicht’? „Mit dem Essen spielt man nicht.“

Lasst das Essen Eurer Hunde daher bitte das Essen Eurer Hunde sein. Gebt ihnen tolle Kaustangen und lasst sie diese bitte behalten. Und nehmt Euch die Zeit ihnen auf faire Art und Weise beizubringen, dass man spannende oder gut riechende Dinge manchmal auch abgeben muss.

 

 

Blogparade 2018

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogparade 2018 zur Aktion „Tausche TV-Trainer-Ticket gegen Training“ der Initiative für gewaltfreies Hundetraining. Seit 2014 tauschen mehr als 150 TrainerInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz gebrauchte TV-Trainer-Tickets für ein halbes Jahr nach der Veranstaltung gegen eine Gratis-Trainingsstunde.

Auch dieser Blogartikel ist Teil der Blogparade, den Startschuss dazu machte Sunny Bennett mit ihrem Blogbeitrag über die Fabel von der ruhigen Energie.