Es ist endlich wieder warm. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Frühlingsgefühle – ja, die erwachen. Sie machen auch vor Furio, der mittlerweile 4 Jahre alt ist, nicht halt. Ich kenne das, grundsätzlich ist es ja jedes Jahr dasselbe. Bei meinem kleinen Prinz haben sie dieses Jahr aber in einer Art zugeschlagen, die nicht nur für mich, sondern auch für ihn einschneidend den Alltag verändert haben.

Ich habe ihm daher schweren Herzens und nach langen Überlegungen den Suprelorin-Chip setzen lassen, und muss meine Gedanken erst sortieren.

Warum ist mir die Entscheidung für diesen Eingriff überhaupt so schwer gefallen?

 

Er ist doch ein Deckrüde

Ich wollte nie einen Ausstellungshund haben, Furio hat sich aber wunderschön entwickelt und so wurde mir geraten, ihn auszustellen. Zusätzlich war er bei diesem neuen Hobby auch sehr erfolgreich. Karla Schwede beschreibt in ihrem Blogartikel sehr schön, welchen finanziellen und zeittechnischen Aufwand es darstellt, so einen Rüden zu halten. Sie macht aber auch darauf aufmerksam, dass man als HalterIn eines Deckrüden Verantwortung trägt.

Diese Verantwortung betrifft die Gesundheit und auch Wesensmerkmale des Hundes, den man als Stammvater vieler Welpen sehen möchte. Man trägt Verantwortung dafür, in welche Richtung die Zucht genau dieser Rasse weitergehen wird. Und bei Furio wurde (spät aber doch) ein Übergangswirbel festgestellt. Dieser kann schon mal vorkommen. Die erbliche Komponente ist aber so groß, dass dieser anatomische Fehler bei anderen Rassen als Zuchtausschlussgrund gilt.

Es wird daher keine Nachkommen von Furio geben – weil ich nicht dahinterstehen kann, dass Übergangswirbel vererbet werden. Schönheit hin oder her. Er müsste daher rein theoretisch auch nicht mehr zeugungsfähig sein.

 

Wie sieht es aber mit seinem Verhalten Artgenossen gegenüber aus?

Ich bin der Meinung, dass Furio sehr schönes und differenziertes Ausdrucksverhalten zeigt. Es gab bisher auch keine Streitigkeiten mit anderen unkastrierten Rüden. Leider wurde er bereits einige Male von kastrierten Rüden attackiert – das ist aber ein Problem, das nicht von ihm ausgeht.

Furio zeigt dennoch jeden Frühling etwas stärkeres Imponierverhalten. Grundsätzlich ist er damit noch nicht schlecht angekommen, natürlich behalte ich solche Veränderungen aber im Auge.

 

Wenn Frühlingsgefühle weh tun

Ich kann nicht nachvollziehen, was in einem kleinen Rüden vorgeht, der Liebeskummer hat. Ich kenne Geschichten von winselnden Rüden, die nichts mehr fressen und draußen nicht mehr ansprechbar sind.

Furio ist dieses Jahr das erste Mal Nachtmittage lang im Schlafzimmer gelegen und hat vor sich hin gewimmert. Außerdem hat Mateja mehrere Male ungehalten auf ihn reagiert, obwohl er sie in meinen Augen nicht belästigt hat. Die beiden kommunizieren aber auf so feine Art und Weise, dass ich mir nicht anmaßen möchte alles zu verstehen, was zwischen ihnen vorgeht.

 

Warum habe ich ihm nicht testweise längst den Chip setzen lassen?

Nun, zuerst einmal wegen der zu großen Auswahl. Da muss man erst zwischen Tabletten, einer Spritze und dem Chip entscheiden. Es geht hier aber auch um einen Eingriff in die Natur des Hundes. Man soll eine Hormonbehandlung beim eigenen Hund veranlassen, weil es ja zu seinem Besten ist. Letztendlich soll man natürlich auch darauf warten, dass der Hund wirklich seine körperliche und geistige Reife erlangt hat (nun gut, das hat er mit 4 Jahren tatsächlich schon).

Das ist aber nicht alles.

 

Ich bin schließlich Hundetrainerin – sollte ich nicht in der Lage sein, einen intakten Rüden zu „führen“?

Mein großes Vorbild – eine Hundetrainerin in Deutschland – hat gesagt, dass es sehr wohl möglich ist, einen intakten Rüden zu führen. Man muss dann im Training kreativer sein und als Belohnung nicht nur Leckerlies in den Hund stopfen. Es bieten sich zum Beispiel externe Verstärkervarianten wie das Aufschlecken-Lassen von Hündinnen-Urin an.

Soweit so gut. Schon als Furio noch ein Welpe war, hatte ich die Ausführungen meines Vorbildes im Kopf. Furio weiß daher, dass er an der Leine nicht markieren darf, er geht am Abend einmal pieseln und ich muss nicht zehn Markierpunkte mit ihm abwandern. Ich kann ihn mit Abbruchssignal vom Markieren, Hündinnen-Urin-Schlecken und anderen Rüdigkeiten abhalten, wenn ich das möchte. Außerdem lässt er sich von läufigen Hündinnen abrufen.

 

Klingt doch nach einem perfekten Rüden, oder?

Vielleicht. Spaziergänge sind aber seit Wochen für uns alle nicht mehr entspannt. Nach wenigen Metern im Grün zeigt Furio ein eingefallenes Stressgesicht. Und das bevor ich überhaupt noch ein Wort zu ihm gesagt habe. Obwohl wir uns nicht in Hundezonen, sondern nur großen Auslaufgebieten aufhalten, kann ich ihn keine Sekunde aus den Augen lassen.

Auf diese Weise kann ich das Verhalten und auch den Gehorsam meines Hundes weiterhin auf dem Niveau halten, auf dem sie derzeit sind. Ich wechsle daher zwischen Abbruchsignal, Aufmerksamkeitssignal und Rückruf. Die Belohnungen, die ich mit mir trage sind viel hochwertiger als sonst, ich bestätige außerdem mit externem Verstärker (Hündinnen-Urin).

Klingt anstrengend? Ist es auch. Für Mateja oder Oskar habe ich kein Auge mehr. Für hundelose Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer oder Spaziergänger ebenfalls nicht.

Und Furio? Der kämpft. Mit sich, seinen Bedürfnissen und den Signalen, die wir so lange aufgebaut und geübt haben und die er einzuhalten versucht.

Es ist kein Spaß für uns alle, weshalb ich mich in den letzten Wochen intensiv mit chemischer Rüdenkastration befasst habe. Ich habe viel gelesen und recherchiert. Ich habe meine Tierärztin, eine Humanmedizinerin mit großer Kenntnis in der Pharmabranche und auch KollegInnen befragt. Meine Antwort habe ich aber im Internet gefunden. Der Satz, der etwas in mir bewegt hat, lautete:

 

„Exzellenter Gehorsam an heißen Hündinnen und konkurrierenden Rüden ist kein Kriterium für gute Lebensqualität.“

So gesagt angeblich von einer Hundetrainerin – Name unbekannt. Sie hat mit diesem Satz aber hundertprozentig recht.

Ja, ich habe Angst davor, dass Furio, der ein eher zurückhaltender, sehr ruhiger Hund ist, mit der Kastration eventuell Probleme haben könnte. Besonders was den Umgang mit männlichen Artgenossen angeht. Ich habe Sorge, dass er phlegmatisch wird, wie viele HalterInnen kastrierter Rüden es berichten und bei der Arbeit nicht mehr so spritzig ist.

Davon abgesehen kann ich aber nicht unbeachtet lassen, dass es bei dieser ganzen Geschichte sehr viel um mich selbst geht. Um meinen Ehrgeiz, einen intakten Rüden zu führen. Um die viele Arbeit, die ich in seine Erziehung gesteckt habe. Und um den Stolz, dass er alle meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertrifft.

Ich wohne aber nicht in ländlichem Gebiet, in dem immer dieselben drei Nachbarhündinnen zur gleichen Zeit läufig werden. Ich habe kein großes Grundstück, auf dem ich mich im Zweifel eine Woche mit meinen Hunden zurückziehen kann.

 

Ich wohne in der Großstadt Wien.

Hier werden ständig Hündinnen läufig und ihre Gerüche finden sich in jedem Winkel und wechseln ständig. Ebenfalls sind natürlich enorm viele andere intakte Rüden auf Wiens Straßen unterwegs. Diese stellen – auch wenn sie ordentliches Sozialverhalten zeigen – Rivalen dar und bedeuten ebenfalls einen hohen Stressfaktor.

Genau deshalb möchte ich wieder entspannten Alltag mit Furio haben, nicht nur in der Wohnung, sondern auch auf Spaziergängen. Ich möchte ihm Freiräume lassen können. Ganz ohne darüber nachzudenken, ob er ständig mit der Nase Hündinnen oder deren Urin hinterher ist und ob das unserem Trainingserfolg im Weg steht. Er soll wieder rennen, spielen und herumstromern, ohne nach wenigen Metern einen gehetzten Blick im Gesicht zu haben. Denn wenn ein Hund sich alle Freiräume der Welt verdient hat, dann ist es Furio, der sich so penibel an Grenzen hält.

 

Wird die chemische Kastration uns das ermöglichen?

Ich weiß es nicht, hoffe aber darauf. Die größte Angst wurde mir heute schon genommen. In der Tierarztpraxis, in der wir den Chip implantieren ließen hat man auf meine Ängste bezüglich Furios empfindlicher Whippet-Haut Rücksicht genommen. Er bekam eine örtliche Betäubung und hat den tatsächlichen Vorgang des Chip-Setzens gar nicht gespürt.

Nun liegt er entspannt im Wohnzimmer, hat eine kleine Wellnessmassage genossen und weiß noch nicht, dass ihm eine große körperliche Umstellung bevorsteht.

Mir geht es da anders. Ich bin noch immer nicht sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Die nächsten Wochen oder eher Monate werden das zeigen. Ich bin schon gespannt.