Manche Gedanken lassen sich aus dem Hundetraining-Jargon ja nicht mehr wegdenken. So auch das Prinzip des sogenannten „Rudelführers“.

Nun taucht in meiner Praxis als Hundetrainerin häufig folgende Frage auf:

 

„Wie wird man eigentlich ein guter Rudelführer?“

Dass der Begriff „Rudel“ hierbei fälschicherweise für überartliche Zusammenschlüsse (Mensch-Hund-Gruppe) verwendet wird, soll einmal hintangestellt werden. Zudem wird das Wort „Rudelführer“ häufig erklärend von Individuen verwendet die daran glauben, dass der Hund die Weltherrschaft an sich reißen wird, wenn er einmal auf der Couch pennt.

Viele meiner KundInnen, die mir eine solche Frage stellen, wollen ihren Hund aber gar nicht unterbuttern. Vielmehr haben sie irgendwann gehört, dass es wichtig ist, ein guter Rudelführer zu sein. Eigentlich ist es ihr Bestreben, eine vertrauensvolle Partnerschaft mit ihrem Vierbeiner zu pflegen. Ich möchte daher im Folgenden das Wort „Rudelführer“ gleichsetzen mit:

„Eine Person, der sich ein Hund freudig und vertrauensvoll anschließt.“

Wie wird man aber zu so einer Person? Vermutlich nicht dadurch, dass man immer vor dem Hund durch die Türe geht. Oder ihm sämtliche weichen Schlafplätze im Wohnraum vorenthält. Auch das willkürliche Hineintatschen in die Hundefutterschüssel führt nicht zu einer besseren Beziehung zum eigenen Hund.

 

1. Vertrauen bekommt, wer weiß was er will.

Hunde sprechen nicht Deutsch und so ist es wichtig in unseren Handlungen ganz klar und berechenbar zu bleiben.

Es macht Sinn, sich vorher zu überlegen, ob Schlafen im Bett tabu ist oder nicht. Oder ob man das Bällchen mehrfach pro Tag mit lautem Gekläff untermalt vor die Füße geworfen bekommen möchte. Findet man das nämlich ein paar Mal lustig, wird es wohl wieder passieren. Ist es nach einem langen Arbeitstag plötzlich doch eher lästig und der Hund wird angebrüllt, lernt er nicht das Verhalten zu unterlassen: er lernt nur, dass er uns und unseren Handlungen nicht vertrauen kann.

 

2. „Du musst dem mal zeigen, wo’s langgeht.“

Und das meine ich im wortwörtlichen Sinne. Ich bin immer traurig, wenn ich sehe wie Menschen völlig achtlos von ihren Hunden hinterhergeschleppt an der Leine hängen. Dabei tippen sie im Smartphone herum oder beschäftigen sich anderweitig.

Viele dieser Hunde sind alleingelassen und orientierungslos. Sie würden sich gerne anschließen, wenn das andere Ende der Leine sagen würde: „Komm, wir gehen da lang.“ Sie müssten nicht reaktiv bellen, wenn sie mehr Hilfe hätten. Wenn da jemand wäre, der sie aktiv durch die Welt „führt“ und der sie im anspruchsvollen Großstadt-Dschungel unterstützt.

Wie schön es sein könnte, mit seinem Hund gemeinsam die Welt zu erkunden, werden obengenannte Menschen nie erfahren.

 

3. “Herr der Lage sein”

Unsere Hunde sollen sich immer hervorragend benehmen und niemanden anspringen oder belästigen? Gleichzeitig müssen sie stets aufmerksam sein und perfekt an der Leine gehen?

Wir verlangen von ihnen höfliches Verhalten, zumeist leider ohne dies auch von der Umgebung einzufordern. Beweist Euren Hunden, dass Ihr Herr oder Frau der Lage seid, indem Ihr sie vor Übergriffen beschützt. Ganz genau: fordert doch auch mal von Euren Mitmenschen ein, die Individualdistanz Eures Vierbeiners zu akzeptieren. Unterbindet Getatsche und Gegrapsche und fordert sie auf, ihre eigenen Hunde anzuleinen.

Wir alle wissen aus der Praxis, dass genau dieser Punkt wohl der am schwierigsten Umsetzbare ist. Doch wie soll Euer Hund Euch vertrauen, wenn Ihr ihm eigentlich nur begrenzt zumutbare Höflichkeit abverlangt, während Fremde ihn jederzeit antatschen dürfen?

 

4. Aber: wer ist hier eigentlich der Chef?

Ihr möchtet ein guter Chef oder eine gute Chefin sein? Solche Personen zeichnen sich nicht durch unberechenbare Wutanfälle und unfaire Behandlung ihrer Mitarbeiter aus.

Ganz im Gegenteil: sie loben die Leistungen ihrer Teammitglieder und können diese nicht nur erkennen, sondern auch anerkennen. Anstatt darauf zu warten, dass einer ihrer Mitarbeiter einen Fehler macht, erklären solche Chefs zuerst genau, was sie möchten und geben keine schwammigen Anweisungen. Klappt die Aufgabe nicht, arbeiten diese „guten“ Chefs einen gemeinsamen Plan aus, den es zu erreichen gilt, um die Schwächen in Stärken zu verwandeln.

Achtet darauf, wann Eure Hunde eine Situation ganz großartig lösen. Entwickelt einen Blick dafür wie oft sie lobenswertes, freundliches Verhalten an den Tag legen und wartet nicht erst darauf, dass sie einen Fehler machen.

 

Wie wird man nun also eine Person, der sich ein Hund freudig und vertrauensvoll anschließt?

Ganz einfach: überlegt, was ihr tatsächlich wollt und was nicht und bleibt dabei, damit Eure Handlungen für Euren Hund berechenbar bleiben.

Zeigt Euren Hunden, wo es langgeht und helft ihnen auf dem Weg dorthin.

Bleibt immer das Herrchen oder Frauchen der Lage und stellt Euch zwischen Euren Hund und übergriffige Menschen oder Artgenossen.

Und lasst bitte ständig den guten, fairen Chef raushängen, der Ihr ja eigentlich sein möchtet. Der kein Chef ist, sondern eine Person, zu der man kommen kann, auch wenn etwas schief gelaufen ist. Eine Person, der man vertrauen kann.