Freiheit ist ein Begriff, der im modernen Hundetraining einen hohen Stellenwert hat.

Wir möchten unseren Hunden die Freiheit geben, selbst Entscheidungen zu treffen. Wir bringen ihnen ein Rückruf- und ein Aufmerksamkeitssignal bei, um sie von der Leine lassen zu können. Oder auch ein Signal, das bedeutet in der Nähe unserer Beine zu bleiben. Unermüdlich trainieren wir das Liegenlassen oder Anzeigen von Essbarem auf dem Boden, um die Sicherheit unserer Hunde zu gewährleisten. Außerdem achten wir darauf, sie mit unterschiedlichsten Situationen vertraut zu machen. Sie sollen in Zukunft entspannt auf ihre Umwelt reagieren können. So tragen wir dafür Sorge, unseren Vierbeinern im Ergebnis größtmögliche Freiheit im gemeinsamen Alltag zu bieten.

 

Aber ist das wirklich Freiheit?

Auf meinem Campingurlaub in Frankreich (über den faszination-hund eine wundervolle Checkliste geschrieben hat), habe ich etwas ganz Neues erlebt.

Wir hatten in Frankreich Platz. Das mag daran liegen, dass die Saison sich schon dem Ende neigt. Wenige Menschen, noch weniger Hunde, viel Sonne und Luft. Ein unüberschaubarer Strand, an dem wir einfach die Leinen los und die Hunde laufen lassen konnten. Sämtliche anderen Urlauber waren je zwei Zeltplätze entfernt.

 

Freiheit ist nicht gleich Erziehung

Unser Campingurlaub war einfach. Das Zusammenleben mit den Hunden mühelos. Am Weg zur Dusche habe ich den vor dem Zelt liegenden Hunden nur „bleib da, ich komme gleich“, zugerufen. Dann habe ich mich umgedreht und bin gegangen. Natürlich in dem Wissen, dass noch Onkel Joel bei ihnen war. Sie lagen dort aber nicht angeleint oder sonst wie gesichert.

 

Ist vielleicht nur die gute und sorgsame Erziehung verantwortlich dafür, dass meine Hunde dort so frei sein konnten, wie sie es im Endeffekt auch waren?

Ganz bestimmt nicht. Im Hundetraining spricht man oft von „Distanz“ oder „Distanzvergrößerung“ Hat man einen Hund, der gerne andere Hunde anbellt, wäre doch alles ganz einfach, wenn man nur genug Abstand zum Auslöser für das reaktive Verhalten seines Hundes halten könnte. Aus sicherer Entfernung trainiert man dann ein Alternativverhalten. Also üben, üben, üben.

Hunde weichen Konflikten aus, soweit es ihnen möglich ist. Sagt man jedenfalls. Was ist aber, wenn unsere Lebensumstände, unsere vollgestopften Städte gar nicht genug Raum bieten? Wenn die Distanz, die der Hund wirklich bräuchte nicht hergestellt werden kann. An einem endlosen Strand, bei Distanzen von 500 und mehr Metern bekommt man erst ein Gefühl dafür, was räumliche Weite überhaupt sein könnte.

Dann, wenn die eigene Hündin plötzlich keine anderen Hunde mehr anstürmt, sondern so viel Platz hat, dass sie erst gar nicht ausweichen muss. Sondern einfach auf derselben Stelle bleiben kann und dennoch die Distanz genießt, die sie benötigt.

 

Freiheit in der Verbundenheit

Ich ging an einem Morgen mit Furio laufen. Barfuß. Leinenlos.

Er, ein paar Meter entfernt von mir im noch kühlen Sand. Ich, ein paar Meter entfernt von ihm, dort wo das Meer auf den Sand trifft.

Furio hat einfach das getan, was er wollte – ich, meinen Gedanken nachhängend – das was ich wollte. Vermutlich haben wir in diesem Moment sogar genau dasselbe getan.
Laufen, die kühle Morgenluft genießen, den Sand unter den Füßen spüren.

Wir haben uns dabei gegenseitig nicht beeinflusst und haben den Morgenlauf dennoch gemeinsam gemacht.

Getroffen haben wir dabei nur einen Fischer, der eine altmodische Reuse durch das Meer gezogen hat.

Rundherum Sand, Meer, Dünen und ein paar vereinzelte Grasbüschel.

Und plötzlich waren wir beide frei. Unabhängig und doch verbunden. Im Grunde genommen gibt es keine Worte, die beschreiben wie nahe ich mich Furio gefühlt habe, wie nahe mir selbst und dennoch so losgelöst von Allem.

Erzeugt nur durch die Tatsache, dass ich ihm keine Signale geben musste. Kein „Bei mir“, kein „Schau“, kein „Warte kurz“. Unendlich viel Platz, Stille, Verbundenheit ohne sichtbare Verbindung.

 

Zurück in die Realität

Natürlich ist es wichtig, durch Signale mit dem eigenen Hund kommunizieren zu können. Und es ist gut, ihn eigene Entscheidungen treffen zu lassen. Selbstverständlich muss man ihm helfen, Distanz herzustellen, wenn er in einer Situation ungehalten reagiert.

Wer mich kennt weiß, dass ich eine Verfechterin der Theorie bin, dass man Hunden größtmögliche Freiheit dann ermöglichen kann, wenn sie gelernt haben sich innerhalb festgesetzter Grenzen zu bewegen.

Vielleicht gibt es aber Gelegenheiten, die man als solche erkennen und genießen könnte. Augenblicke, in denen man sich vom eigenen Hund lösen und ihn auch einmal wirklich frei lassen muss. In denen er dann seinen eigenen Gedanken oder Tätigkeiten nachgeht, ohne auf Signale achten zu müssen.

Momente der Freiheit, die man gemeinsam mit seinem Hund genießen kann.